Es ist nur ein brauner Kasten von der Größe einer Schreibmaschine, der
in dem Labor auf einer Arbeitsbank am Fenster steht. Mit einer weißen
Plastikpinzette hält Regina Scholz ein Fünf-Cent-Stück in das Gerät und
schaltet es ein. Innerhalb von Sekunden beginnt die Münze rot-orange zu
glühen. Wie eine winzige untergehende Sonne hängt sie da. Dann lockert
Scholz den Griff um die Pinzette. Das Geldstück fällt in eine kleine
Glasschale mit Wasser und färbt sich unter lautem Zischen schwarz. Die
Wissenschaftlerin dreht sich zufrieden um: "Beeindruckend, oder?"
Beeindruckend ist vor allem der Gedanke, dass dasselbe mit Menschen gemacht wird.
Denn die Methode soll nicht Münzen erhitzen, sondern Krebs heilen.
Zunächst wird eine Flüssigkeit mit winzigen Eisenpartikeln in den Tumor
gespritzt, dann werden die Patienten in eine größere Version des
braunen Apparates geschoben. Der erzeugt ebenso wie die kleine Variante
ein Magnetfeld und erhitzt damit die winzigen Eisenpartikel – genau wie
die Münze. Das soll die Krebszellen in den Hitzetod treiben.
Fast 20 Jahre lang hat der Berliner Biologe Andreas Jordan mit seiner
Kollegin Regina Scholz an dieser neuartigen Behandlung für Krebs
geforscht, war immer wieder kurz davor, aufzugeben. Heute ist seine
Firma "Magforce Nanotechnologies" führend auf ihrem Gebiet. Im
Konferenzraum des Unternehmens am Klinikum Westend in
Berlin-Charlottenburg sitzt Jordan, 50 Jahre alt, klein, mit Anzug und
randloser Brille, an einem Tisch und lehnt sich zurück. Er ist fast am
Ziel. Aber ob das, woran er sein Leben lang gearbeitet hat, die
Krebstherapie wirklich verändern wird, das entscheidet sich erst in
diesen Monaten. 69 Patienten nehmen zurzeit an einer klinischen Studie
teil, Forscher und Konkurrenten warten auf die Ergebnisse. "Wenn alles
klappt, können wir noch vor Jahresende die Zulassung für unsere
Krebstherapie beantragen."
Wenn alles klappt. Jordan weiß, was
so ein "Wenn" bedeuten kann. Seine Forschung stand schon mehrfach vor
dem Aus. Beinahe wäre er gar nicht erst zur Wissenschaft gekommen, denn
zunächst reichte sein Notendurchschnitt nicht aus, um an der Freien
Universität einen Studienplatz für Biologie zu bekommen. So arbeitete
er vorerst im Zoo, bis er endlich studieren konnte. Sein Hauptinteresse
galt der Zoologie von wirbellosen Tieren. Wenn er heute daran
zurückdenkt, lacht er: "Nicht gerade ein Thema mit guten
Berufsaussichten." Das sei ihm damals auch klar geworden.
So
besann er sich auf sein zweites Interesse: Strahlung. Schon als Schüler
hatte er sich für Elektronik interessiert. Lebewesen und Strahlung, die
Kombination war ungewöhnlich, aber für einen Strahlenbiologen perfekt.
So
habe er dann Peter Wust kennen gelernt. Wust war Oberarzt an der Klinik
für Strahlenheilkunde und versuchte dort in den achtziger Jahren,
Krebsgeschwülste mit Hitze zu töten. Die Idee war nicht neu. Schon
lange wussten Forscher, dass man Zellen töten kann, indem man sie für
kurze Zeit auf mehr als 42 Grad Celsius erwärmt. Denn Tumorgewebe ist
oftmals schlechter durchblutet – und kann deswegen Hitze nicht so rasch
abtransportieren wie gesundes Gewebe.
Wust versuchte das für
eine Therapie zu nutzen, indem er Patienten einem elektromagnetischen
Feld aussetzte. Aber er konnte kaum einen Effekt nachweisen. Das
Problem: Der Großteil der Energie, die das Gerät erzeugte, wurde von
der Körperoberfläche absorbiert. Die Hitze staute sich zum Beispiel in
Hautfalten und die Patienten bekamen Brandblasen, während der Tumor
sich kaum erwärmte. Wust sei frustriert gewesen, sagt Jordan und
wiederholt dann wie ein Mantra, was Wust damals gesagt habe: "Wenn ich
nur ein halbes Grad Celsius mehr im Tumor erreichen würde, dann wäre
die Therapie wirksam."
Die Idee faszinierte Jordan. "Ich habe
mir gedacht: Warum nicht dasselbe mit einem magnetischen Feld
versuchen?" Der Vorteil des Magnetfeldes sei, dass es alleine auf den
menschlichen Körper keinen Hitzeeffekt habe. Man könne gezielt ein
Metall in den Tumor spritzen, und nur dort entstehe dann die Hitze. Das
Problem der Hautverbrennungen würde also entfallen und man könnte
höhere Temperaturen in den Krebszellen erreichen.
Aber welches
Metall sollte Jordan nehmen? "Ich habe mir bestimmt 500 verschiedene
Substanzen schicken lassen, aus Dänemark, aus Japan, aus den USA." In
einer Kugelmühle zerrieb er jede einzelne zu einem Pulver und bestimmte
dessen Erhitzung im Magnetfeld.
"Ich habe das ein Jahr lang
gemacht. Das war ein unglaublicher Frust." Wenn Jordan die Proben aus
seiner Apparatur nahm, waren sie bestenfalls handwarm. Bis er eines
Tages ein Metall aus Japan testete. Damals sei er kurz davor gewesen
aufzuhören, sagt Jordan. Er habe gerade mit seinem Professor
diskutiert, was er nun tun solle, als plötzlich das Röhrchen im Apparat
explodierte. "Wir waren beide schwarz gesprenkelt. Irgendwas sei wohl
schiefgelaufen, dachte ich." Aber es war nichts schief gelaufen, im
Gegenteil: Die Probe hatte sich so stark erhitzt, dass sie das Röhrchen
zum Platzen gebracht hatte.
Das Metall aus Japan war eine
Nanosubstanz. Nano war damals noch kein gebräuchliches Wort, aber es
verrät, was an der Probe besonders war: Sie bestand aus Teilchen, die
nur Millionstel Millimeter klein sind. Derart winzige Materialien haben
besondere Eigenschaften. Die getesteten Partikel erhitzten sich zum
Beispiel viel stärker, als es größere Teilchen getan hätten. Jordan
hatte endlich eine Substanz für seine Therapie gefunden.
Inzwischen
benutzt er etwas andere Kügelchen, aber die Größe ist gleich geblieben.
Etwa 17 Billiarden Eisenoxid-Kügelchen sind in jedem Milliliter der
Magnetflüssigkeit, die er in den Tumor spritzt. Eisenoxid selbst ist
nicht magnetisch, sonst würden die Teilchen aneinanderkleben und sich
nicht im Tumor verteilen. Die Kügelchen haben aber Eigenschaften eines
Magneten, so lassen sie sich durch ein Magnetfeld in eine gewisse
Richtung ausrichten. Ganz Ähnliches passiert, wenn man einen Magneten
an ein Stück Eisen hält. Die winzigen magnetischen Domänen im Eisen,
die vorher wild in alle Richtungen gezeigt haben, ordnen sich dann
entlang des Magnetfeldes an. Die Partikel von Jordan sind allerdings so
klein, dass sie nur aus einer einzigen Domäne bestehen. Das Magnetfeld,
das von außen angelegt wird, wechselt 100 000 Mal pro Sekunde, so dass
die Eisenoxidpartikel ständig ihre Ausrichtung ändern. Dabei entsteht
Wärme. Bis zu 70 Grad könne er so im Tumor erreichen, sagt Jordan. "Das
hält keine Zelle aus."
Aber der Weg zur Krebstherapie war noch
lang. Es musste sichergestellt werden, dass die Teilchen nicht giftig
sind und im Tumor bleiben. Und es musste ein Weg gefunden werden, die
Flüssigkeit genau in den Tumor zu spritzen, und die richtige Dosis
berechnet werden. 1996 vermeldete Jordan dann einen ersten Erfolg in
Tieren. Fast jede zweite Maus hatte er in Versuchen von Brustkrebs
befreien können. Dazu musste er die Tiere nur einmal 30 Minuten lang im
Magnetfeld behandeln.
Im März 2003 startete die erste Studie
am Menschen: 14 Patienten mit einem bösartigen Gehirntumor wurden
behandelt. Die Ärzte konnten beweisen, dass die Therapie grundsätzlich
auch beim Menschen anwendbar ist. "Eine unserer Patientinnen lebt
heute, mehr als fünf Jahre nach der Therapie, noch völlig tumorfrei",
berichtet Jordan stolz. Die Frau habe an einem wiederkehrenden
Glioblastom gelitten, da sei eine Lebenserwartung von wenigen Monaten
normal. Ein Einzelfall bedeutet in der Medizin allerdings nichts, das
gibt auch Jordan zu.
Inzwischen finden klinische Studien zu
Prostata- und Speiseröhrenkrebs statt, und auch an Tumoren der Leber
und der Bauchspeicheldrüse wird die Therapie getestet. "Unser Ziel ist
es, die Technik neben den Standard-Krebstherapien, also Chirurgie,
Bestrahlung und Arzneimitteln, zu etablieren", sagt Jordan. Er sehe vor
allem die Chance, die starken Nebenwirkungen zu reduzieren, die manche
Therapien begleiten. Bei der Studie an Gehirntumoren hätten viele
Patienten zwar ein diffuses Wärmegefühl beschrieben oder etwas
geschwitzt, sonst habe es aber keine Probleme gegeben.
Natürlich
sei die Behandlung nicht frei von Gefahren: "Wer eine Nadel ins Gehirn
sticht, riskiert immer eine Blutung." Außerdem bestünde das Risiko,
dass ein Ödem, bei Tumoren eine häufige Begleiterscheinung, sich
ausdehne und der Hirndruck gefährlich ansteige. "Bisher haben wir das
aber noch nicht beobachtet", sagt Jordan. Diesen Sommer soll die Studie
beendet werden. Wenn alles klappt, kann Jordan dann die Zulassung
beantragen. Aber da ist eben noch dieses "Wenn".
Autor: Kai Kupferschmidt
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