Forscher suchen seit Jahren nach Möglichkeiten, die
Nanotechnologie im Kampf gegen Krebs einzusetzen. Einen neuen Ansatz
liefert ein Berliner Biologe. Mit Nanokügelchen erwärmt er Tumorzellen,
damit sie absterben. Vorteil: Die Methode hat wenige Nebenwirkungen.
Noch sind die Studien aber nicht abgeschlossen.
Man
würde in dem kleinen weißen Containergebäude auf einem Klinikgelände in
Berlin Charlottenburg nicht unbedingt einen Weltmarktführer in der
Zukunftstechnologie erwarten. Und doch residiert hier die MagForce
Nanotechnologies AG, das Unternehmen des ehrgeizigen Berliner Biologen
Andreas Jordan. Mit winzigen Teilchen will er eine der schwersten
Krankheiten der Menschheit heilen - Krebs.
Jordan ist damit
weiter als alle anderen im jungen Feld der Nanomedizin. Die Methode:
Ärzte spritzen Nanokügelchen mit einem Eisenoxidkern in den Tumor und
erhitzen diese anschließend in einem Magnetfeld. Das soll die
Tumorzellen in den Hitzetod treiben und die Patienten von ihren
Beschwerden befreien.
Der Name Nanokügelchen verrät, wo die Technik
ansetzt: in der Zwergenwelt. Die Vorsilbe Nano leitet sich von dem
griechischen Wort für Zwerg ab. Ein Nanometer ist der milliardste Teil
eines Meters. Das entspricht etwa dem Größenverhältnis der Erde zu
einer Murmel. Die Nanopartikel, die Jordan benutzt, sind nur etwa 15
Nanometer groß. In einem Milliliter der Magnetflüssigkeit, die in den
Tumor gespritzt wird, befinden sich daher 17 Billiarden Teilchen.
Bis zu 70 Grad im Tumor
Derart kleine Materialien haben besondere Eigenschaften. So erhitzen
sich die Eisenoxidkügelchen, die Jordan testet, viel stärker, als es
größere Teilchen tun würden. Auch das Material ist entscheidend.
"Eisenoxid ist nicht magnetisch, aber magnetisierbar", erklärt Jordan.
Das ist wichtig, denn sonst würden die Teilchen aneinander kleben und
sich nicht wie gewünscht über den ganzen Tumor verteilen. Die winzigen
Kügelchen haben aber gewisse Eigenschaften eines Magneten und sie
lassen sich durch ein Magnetfeld ausrichten. "Das ist so ähnlich, wie
wenn man einen Magneten an ein Stück Eisen hält", sagt Jordan. Die
kleinen magnetischen Domänen im Eisen, die vorher wild in alle
Richtungen gezeigt hätten, würden sich dann entlang des Magnetfeldes
anordnen. Die Nanopartikel von Jordan sind allerdings so klein, dass
sie nur aus einer einzigen Domäne bestehen. "Wir tauschen einfach den
Nord- und Südpol des Magnetfelds immer wieder, bis zu 100.000 Mal pro
Sekunde." Durch den ständigen Wechsel heizen sich die Kügelchen auf.
"Bis zu 70 Grad Celsius erreichen wir damit im Tumor", sagt Andreas
Jordan. "Das hält keine Zelle aus."
Ganz so heiß muss es aber gar nicht werden. Schon lange ist bekannt,
dass man Zellen töten kann, indem man sie länger auf mehr als 42 Grad
Celsius erwärmt. Tumorgewebe ist für Hitze besonders anfällig, da es
schlechter durchblutet wird. Der wuchernde Tumor muss sicherstellen,
dass seine Zellen immer gut mit Blut versorgt sind, und schüttet daher
Stoffe aus, die das Wachstum von Blutgefäßen fördern. Im Gegensatz zu
der geordneten Blutgefäßstruktur in gesundem Gewebe kommt es dabei zu
einem regelrechten Chaos von dünnwandigen, krankhaften Gefäßen. Der
Tumor kann deswegen Hitze schlechter abtransportieren als gesundes
Gewebe.
Gezieltes Erhitzen im Körperinneren
Die Thermotherapie, also die Hitzebehandlung von Krebs, war daher
naheliegend. Bisher scheiterte sie aber stets daran, dass der Großteil
der Hitze, die man von außen zuführt, von der Körperoberfläche
aufgenommen wird. Der Patient erleidet Verbrennungen, während der Tumor
sich kaum erwärmt. Mit seinen Nanokügelchen will Jordan nun gezielt den
Tumor erhitzen, ohne den Rest des Körpers in Mitleidenschaft zu ziehen.
Seit
mehr als 20 Jahren arbeitet Jordan schon an der Technik. Die ersten
Erfolge vermeldete er 1996, allerdings nur im Tierversuch. Inzwischen
behandelt Jordan auch Menschen. Die erste klinische Studie startete im
März 2003, in der 14 Patienten mit einem bösartigen Gehirntumor
behandelt wurden. Die Ärzte konnten beweisen, dass die Therapie
grundsätzlich auch beim Menschen anwendbar ist. Jordan verweist stolz
auf einen ersten Erfolg: "Eine unserer Patientinnen lebt heute, fünf
Jahre nach der Therapie, völlig tumorfrei." Dabei ist bei ihrer
Erkrankung eine Lebenserwartung von wenigen Monaten durchaus normal.
Nun laufen auch Studien zu Prostata- und Speiseröhrenkrebs, und auch an
Tumoren von Leber und Bauchspeicheldrüse wird die Nanokrebstherapie
getestet.
Eisenteilchen stören den Magnetresonanz-Tomographen
"Unser Ziel ist es, die Technik neben den Standard-Krebstherapien, also
neben Chirurgie, Bestrahlung und Arzneimitteln, fest zu etablieren",
sagt Jordan. Er sehe vor allem die Chance, die starken Nebenwirkungen
zu reduzieren, die manche dieser Therapien begleiten. "Unsere Therapie
hat dagegen kaum Nebenwirkungen." Viele Patienten hätten ein diffuses
Wärmegefühl oder würden etwas schwitzen, sonst seien aber keine
Probleme aufgetreten, die auf die Therapie zurückzuführen seien.
Natürlich sei die Behandlung nicht frei von Gefahren: "Wer eine Nadel
ins Gehirn sticht, riskiert natürlich eine Blutung." Außerdem bestünde
die Gefahr, dass ein Ödem, bei Tumoren eine häufige Begleiterscheinung,
sich ausdehne und der Hirndruck gefährlich ansteige. "Bisher haben wir
das aber noch nicht beobachtet", sagt Jordan.
Eine
Nebenwirkung hat die Therapie in jedem Fall: Da die Nanopartikel im
Gehirn bleiben, sind Magnetresonanz-Tomographien bei den Patienten
später nur eingeschränkt möglich. Denn die Eisenteilchen machen die
Bilder unlesbar. Noch in diesem Jahr soll die zweite, entscheidende
Studie beendet werden, in die derzeit noch Patienten mit Hirntumor
aufgenommen werden. Ist ihr Ergebnis positiv, möchte Jordan noch im
Herbst die nötigen Unterlagen bei den Behörden einreichen. Dann könnte
die Therapie schon 2010 zugelassen werden.
Quelle: Stern.de / Autor: Kai Kupferschmidt
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